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Gedenken setzt Wissen voraus

Gemeinsame Veranstaltng der Fraktion DIE LINE im Landtag, der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, dem Friedenszentrum Leipzig und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen

 Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen der Fraktion DIE LINKE im Sächsischen Landtag begrüsse ich Sie und Euch heute hier im UT Connewitz anlässlich des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Tag wird in der Bundesrepublik seit 1996 begangen und seit 2005 auch weltweit als „Internationaler Gedenktag an die Opfer des Holocaust“ und erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Truppen der Roten Armee. Mein Name ist Volker Külow und ich bin der kulturpolitische Sprecher der Linksfraktion. Neben mir sind mit Kerstin Köditz, Heike Werner, Dr. Monika Runge und Enrico Stange weitere Kolleginnen und -kollegen meiner Fraktion anwesend. Damit es protokollarisch aber zwischen den Einladern und den Gästen ausgewogen zugeht, möchte ich gern auch die anwesende Schuldirektorin sowie Lehrerinnen und Lehrer namentlich begrüßen.

Die Einladung für unsere Veranstaltung, die unter dem Motto „Gedenken setzt Wissen voraus“ steht, wird von weiteren Mitveranstaltern getragen, deren Vertreter auch noch sprechen werden: der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, dem Friedenszentrum Leipzig und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen.

Für unsere Filmvorführung und anschließende Buchübergabe haben wir einen besonderen Ort ausgesucht, dessen magische Aura Sie und Euch hoffentlich schon ergriffen hat. Wir befinden uns in einem der ältesten noch erhaltenden Lichtspieltheater Deutschlands, das im Jahr 1912 seine erste Filmvorführung erlebte. Heute Abend beginnen die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Kinos und wir sind den Betreibern sehr dankbar, an diesem denkwürdigen Tag das Kino vormittags nutzen zu dürfen.

Was erwartet Sie und Euch nun in den folgenden 90 Minuten? Zunächst präsentieren wir den MDR-Film „Der kleine Junge und die Nazis“. Der Film erzählt die Geschichte von Hans Richard Levy, der als neunjähriger Junge im Jahr 1939 das Riesenglück hatte, durch einen Kindertransport nach England zu gelangen. Die meisten seiner jüdischen Altersgenossen ebenso wie deren Eltern und Großeltern traf – das wisst Ihr – in den folgenden Jahren ein grausames Schicksal: wenn sie einen Zug bestiegen, war es zumeist ein Deportationszug, der direkt zu den Gaskammern der nazistischen Vernichtungslager nach Auschwitz, Sobibor, Treblinka und andere Schreckensorte führte. Auch aus Leipzig wurden dutzende jüdische Kinder mit der Reichsbahn in den Tod befördert, darunter als Jüngste die am 15. November 1941 in unserer Stadt geborene Gitte Freier, die im Alter weniger Wochen deportiert wurde.

Gerade angesichts des staatlich angeordneten millionenfachen Mordes an unschuldigen Menschen halten wir es für wichtig, an einzelne Namen zu erinnern. Wenn man den Namen eines einzigen Opfers behält, kann man eine Art ideelle Patenschaft des Gedenkens für alle  übernehmen.

Es geht uns mit der Erinnerung an die Ermordeten aber nicht nur um die Vergangenheit, sondern mehr noch um die Gegenwart und unsere Zukunft. Das klingt vielleicht etwas floskelhaft, aber dieser bewusst gewählte Ansatz ist von brennender Aktualität: leider sucht nämlich der gleiche Hass, der damals Juden und Nichtjuden, Sinti und Roma, Homosexuelle und viele andere diskriminierte Menschen traf, erneut seine Opfer: Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und nationaler Größenwahn sind auch heutzutage sehr präsent, wie zuletzt die grausame Mordserie des von Sachsen aus operierenden rechtsextremistischen Terrortrios beweist.

Diese Schreckenstaten sind eine Aufforderung an uns alle, sich gegen Ausgrenzung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit möglichst frühzeitig zu wenden und da ist jeder gefordert, gemäß eines ganz wichtigen Ausspruchs des englischen Philosophen Edmund Burke: „Für den Triumpf des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“

Der Held unserer heutigen Veranstaltung, der 1929 geborene Hans Richard Levy, wurde seinerzeit gerettet, weil es zum Glück Menschen gab, die Gutes taten, denen diese Gabe  allerdings keinesfalls in die Wiege gelegt war. In dem heute zu übergebenden Büchlein gibt es auch ein kleines Kapitel über Nicholas Winton, dessen Lektüre ich besonders empfehlen möchte. Es handelt von einem eher unpolitischen Londoner Börsenmakler, der zufällig über einen Freund von der existenziellen Bedrohung jüdischer Familien in Prag hörte, nachdem Hitlers Wehrmacht im Frühjahr 1939 in die Tschechoslowakei einmarschiert war. Winton rührte besonders das Schicksal der von Vertreibung und Tod bedrohten Kinder und sein selbstloses Engagement rettete 669 Kindern das Leben, in dem er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 Zugtransporte nach England und dort entsprechende Gastfamilien organisierte; diese geretteten Kinder sahen ihre Eltern nie wieder.

Heute sind diese Kinder natürlich sehr alt, zumeist zwischen 75 und 85 Jahren. Ein glückliches Schicksal hat es gefügt, dass Nicholas Winton, von der Queen für seine Menschlichkeit geadelt, noch lebt, inzwischen ist er 102 Jahre alt. Anfang September 2009 fuhr anlässlich seines 100. Geburtstages ein Zug von Prag nach London, in der die Kinder von 1939 diese Reise wiederholten und an ihre wundersame Rettung 70 Jahre zuvor erinnerten. Selbst wenn man kein Bild davon gesehen hat, kann man sich mit etwas Phantasie vorstellen, was das für eine einmalige und menschlich zutiefst anrührende Zugfahrt war.

Natürlich stehen wir heutigen Generationen zum Glück nicht vor solchen humanitären Herauforderungen und Bewährungsproben; aber Zivilcourage und Mitmenschlichkeit sind auch in der Gegenwart erforderlich, um gegen aufkommende Barbarei in unserem direkten Umfeld anzugehen. Und da gibt es ganz individuelle Möglichkeiten und mitunter sehr berührende und ungewöhnliche Initiativen. Eine will ich zum Schluss kurz nennen, weil sie sicher auch für Euch sehr greifbar ist: in Sachsen haben sich ca. 80 Handwerker zusammengeschlossen, darunter Elektriker, Maurer, Fliesenleger, Maler und Installateure, die seit acht Jahren nach Israel fahren, um dort unentgeltlich Holocaust-Überlebenden die Wohnung zu renovieren. Das ist Versöhnung auf sächsisch, die sicher nicht nur mich sehr beeindruckt. Damit nun aber genug von meiner Seite zur Eröffnung; ich gebe mit einem herzlichen Dank für Eure Aufmerksamkeit das Mikrofon an Torsten Schleip, Ko-Autor des Buches über Richard Levy und Vertreter des Leipziger Friedenszentrums weiter.     

 

            

 

                                                                           

 

 

 

 

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