19. April 2011 Dr. Volker Külow

Industriekulturelles Erbe Sachsens bewahren und erlebbar machen

für mich und für meine Kollegen aus der Fraktion DIE LINKE war es bei der Lektüre des vorliegenden Antrages aufschlussreich, wieder einmal einen Erkenntnisprozess der Regierungsfraktionen in diesem Hause erleben zu dürfen. Langsam reifen die Ideen bei CDU und FDP, doch immerhin: sie reifen. Eine Woche, nachdem der Ausschuss für Wissenschaft und Hochschule auf Antrag meiner Fraktion mit ausgewiesenen Fachleuten das Thema Industriekultur im Kontext von UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge rauf und runter diskutiert hat, überraschen uns die Kollegen aus CDU und FDP mit einem Antrag zum industriekulturellen Erbe des Freistaates. Donnerwetter. Einen Plagiatsvorwurf erhebe ich hier nicht, denn wenn die Verwerter eines Themas beim Initiator desselben Anleihen nehmen, schimmern ja wenigstens Denkprozesse durch. Endlich, möchte man sagen, wird - zwar mit wolkigen Formulierungen - verlangt, Sachsen nicht immer nur mit barocker Pracht zu präsentieren, sondern sich auf die Gewerbe zu besinnen, in denen die Werte für die Prachtentfaltung überhaupt erst geschaffen wurden. Wir kommen erfreulicherweise zu den sächsischen Wurzeln und turnen nicht immer nur in der Krone herum, und das ist zumindest ja ein Lichtblick.

Gleichwohl lässt der Antrag zum industriekulturellen Erbe wesentliche Fragen offen. Warum wird angesichts des klar formulierten Themas an keiner Stelle Bezug auf die Stiftung Industriekultur genommen, die im Koalitionsvertrag vom September 2009 steht? Haben die wütenden Sparrunden der Regierungskoalition der Stiftungsidee in den vergangenen 18 Monaten das Lebenslicht ausgeblasen? Wenn die Stiftung Industriekultur inzwischen schon nicht mal mehr eine Erwähnung wert ist, dann will DIE LINKE zumindest wissen, warum die Koalition auch in diesem Punkt ihren Ankündigungen untreu geworden ist.

So, wie der Antrag jetzt formuliert ist, hinterlässt er wieder den schalen Beigeschmack vermeintlicher sächsischer Einzigartigkeit. Eine "Straße der sächsischen Industriekultur" unter Berücksichtigung der bereits vorhandenen touristischen Schwerpunkte soll es also richten. Ich sage, da sind unsere Nachbarn schon viel weiter. Industrie basiert auf Arbeitsteilung, auch zwischen den Regionen. Deshalb gibt es längst die Europäische Route der Industriekultur (ERIH). Sie verknüpft Standorte und Themen, zeigt technologische und verkehrstechnische Zusammenhänge auf und pflegt den Europa-Gedanken in vorbildlicher Weise. Wenn Sachsen also seine Straße der Industriekultur errichten will, dann bitte von Beginn an als Teil der europäischen Magistrale und mit dem Sächsischen Industriemuseum als Kern für eine derartige Strasse. Beide Aspekte gehören unverzichtbar in den Antrag. Wir müssen das Fahrrad diesbezüglich nicht zum zweiten Mal erfinden. Wie es geht, zeigt vorbildlich unser Nachbar Sachsen-Anhalt mit vielen sehenswerten Orten entlang der europäischen Route der Industriekultur. Letzten Sonntag wurde dort übrigens zum inzwischen schon zum vierten Mal der landesweite Tag der Industriekultur durchgeführt. Auch diese Idee hätte nach unserer Auffassung in den Koalitionsantrag gehört. 

Damit spreche ich zugleich einen zentralen wunden Punkt an: Nirgendwo im ganzen Freistaat Sachsen ist nach rund 800 Jahren Bergbau- und Industrieentwicklung ein solch vielfältiger und zugleich kompakter industriekultureller Schatz angehäuft wie im sächsisch-böhmischen Erzgebirge. In- und ausländische Fachleute beneiden uns um diesen unermesslichen Reichtum, und sie stellen Fragen, wer welche Verantwortung dafür übernimmt. Deshalb von dieser Stelle aus meine ausdrückliche Aufforderung, das Thema industriekulturelles Erbe Sachsen immer im Kontext mit dem UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge zu sehen und zu behandeln. Dazu bedarf es eines klaren politischen Bekenntnisses der Staatsregierung, das DIE LINKE hiermit zum wiederholten Male einfordert. 

Wer es ernst meint mit dem industriekulturellen Erbe Sachsens, muss es ernst meinen mit dem Thema UNESCO-Welterbe. Ist der Antrag, über den wir heute debattieren, von der Koalition wirklich ernst gemeint, dann ist er die Blaupause für das Welterbe. Gerade mit Blick auf die Situation im Erzgebirge wird auch offenkundig, wie teilweise widersprüchlich die Formulierungen im Antrag sind. Die Berücksichtigung allein der überregionalen Bedeutung von schützenswerten Industriedenkmalen im Punkt II. greift nämlich viel zu kurz, da zahlreiche Industriedenkmale gerade lokale und regionale Bedeutung haben und damit einen wichtigen Identifikationswert für das im nächsten Anstrich geforderte kommunale und bürgerschaftliche Engagement besitzen. Natürlich müssen wir aus gesamtsächsischer Perspektive vor allem die historisch bedeutendsten (d.h. überregional bedeutenden) Industriedenkmale erhalten. Aus lokaler und regionaler Perspektive kann das aber durchaus anders aussehen, zumal wenn sich für solche Objekte Nachnutzungsperspektiven erschließen lassen. Grundlagen dafür kann aber nur eine systematische und umfassende Neuerfassung aller Industriedenkmale schaffen. Diese ist dringend überfällig und sollte daher absolute Priorität genießen. Nur auf ihrer Basis kann man überhaupt zu sinnvollen weiteren Schritten und Maßnahmen kommen.

Gestatten Sie mir zum Schluss, dem vorliegenden Antrag, der aus mir völlig schleierhaften Gründen keinerlei Bezug zu den im Dezember 2010 vorgelegten Handlungsempfehlungen des Wissenschaftlichen Beirates für Industriekultur in Sachsen herstellt, eine gewerblich gefärbte Bewertung zu geben: Der Antrag ist alles andere als ein Meisterwerk. Mit etwas Nacharbeiten könnte es aber immerhin zu einem recht passablen Gesellenstück reichen. In der leisen Hoffnung, dass meine kritischen Hinweise dementsprechend wohlwollend aufgenommen werden, geben wir dem Antrag unsere Zustimmung.